DIE ENTWICKLUNG DES RADIOS 
EIN ABSTECHER IN DIE VERGANGENHEIT UNSERES MEDIUMS

Oliver Lillot 

In unserer Welt dreht sich vieles um harte und messbare Fakten. Keine Frage: Durchschnittskontakte, GRP, Nettoreichweite und andere Faktoren werden uns im Alltag immer begleiten, aber kennen wir eigentlich alle den Ursprung des Mediums Radio und dessen Entwicklung?

In diesem kurzen Blogbeitrag kann nicht auf jede Entwicklung explizit eingegangen werden kann. Aber begeben wir uns doch einfach mal auf eine kurze Zeitreise.

Zugegebenermaßen beginnt es etwas technisch: wussten Sie, dass einer der ersten Erfinder des Hörfunks der berühmte Thomas Alva Edison war? Ihm haben wir den im Jahr 1877 vorgestellten Zinnfolienphonographen zu verdanken.

Hierbei handelt es sich um ein Gerät, das die akustisch-mechanischen Aufnahme und Wiedergabe von Schall mithilfe von Tonwalzen ermöglichte und als Basis für andere ähnliche Erfindungen wie dem Grammophon diente.

Entdeckung der magnetischen Wellen

Der drahtlose Rundfunk basiert auf der Entdeckung der magnetischen Wellen durch Heinrich Hertz im Jahr 1886. Diese Technik wurde in den darauffolgenden Jahren zur Übertragung telegrafischer Nachrichten genutzt. 1897 gelang dann erstmals eine drahtlose Übertragung über die Distanz von fünf Kilometern.

Vier Jahre später wurde bereits über den Atlantik gefunkt. Das war ein großer Meilenstein in der Kommunikation, da durch die Entstehung der Radiotechnik See- und Flugfunk revolutioniert wurden und die Morsezeichen zunehmend abgelöst wurden. Denn anfangs dachte noch niemand an „Unterhaltungsrundfunk“ sondern an den kommerziellen und militärischen Nutzen, eine Nachricht an viele Empfänger zu verbreiten.

Das Signal vom Eiffelturm

Wer den Pariser Eiffelturm mit einem Wahrzeichen und Sehnsuchtsort der Liebe verbindet, weiß nicht zwangsläufig, dass dieser Ort nicht immer nur für Emotionalität stand, sondern ganz pragmatische Aufgaben erfüllte. 1910 begann durch eine errichtete Sendeanlage auf dem Turm die erste regelmäßige Ausstrahlung eines Zeitsignals im Umkreis von tausenden Kilometern. Das erste ausgestrahlte Hörfunkprogramm fand an einem ganz besonderen Tag statt: Heiligabend im Jahr 1906. Bestandteile waren vorgelesene Bibeltexte, Musik vom Grammophon und dem live auf Violine gespielten Lied „O Holy Night“. Die Reichweiten steigerten sich schnell von ca. 60 km auf eine Entfernung von über 1.300 km. Und heute wissen wir, dass ein Radioprogramm auf der ganzen Welt empfangbar sein kann. Hier hilft uns die Moderne des Internets weiter, das den Zugriff auf die Simulcast-Programme vieler Sender ermöglicht.

1909 nahm der erste Nachrichtensender seinen Betrieb auf und strahlte regelmäßig sein Programm aus.

Der erste Weltkrieg und die Weimarer Republik

Der Ausbruch des ersten Weltkriegs war nicht besonders förderlich für die weitere Entwicklung des drahtlosen Funks. Länder verfolgten teilweise rigorose Maßnahmen gegen Radiopioniere und entzogen nicht selten Sende- und Empfangs-Lizenzen.

Zu Unterhaltungszwecken diente der Rundfunk zunächst in den Niederlanden und den USA. Am 28. Oktober 1923 war es dann auch in Deutschland soweit. Aus dem Berliner Voxhaus wurde Foxtrott gespielt.

Damals bestimmte noch der Staat die Technik und Inhalte des Rundfunks, da die Politik skeptisch gegenüber dem Massenmedium war und Schindluder befürchtete. Als “Vater des deutschen Rundfunks” gilt der Radiopionier Hans Bredow. Er setzte sich vehement für Rundfunk als öffentliche Angelegenheit ein, der die Hörer bilden und unterhalten sollte.

Volksempfänger “Goebbelsschnauze”

Die Nationalsozialisten hatten nach ihrer Machtübernahme nur wenig Mühe, die Art von Zäsur im Rundfunk aus der Weimarer Republik wieder aufzugreifen.

Propagandaminister Joseph Goebbels ließ ein billiges Gerät mit dem Namen Volksempfänger produzieren, im Volksmund „Goebbelsschnauze“ genannt. Sie machte es möglich, ausländische Programme zu empfangen, allerdings war es – wen überrascht es - streng untersagt, sogenannte "Feindsender" wie z.B. die britische BBC zu hören. Die Weitergabe der Feindsender-Information stand unter Todesstrafe. Und heute kann nahezu jeder mit einem Podcast oder Webradio sein eigenes Programm machen.

Mittelwelle vs. Ultrakurzwelle

Haben Sie sich eigentlich jemals gefragt, wieso wir UKW-Radios nutzen und die Mittelwelle bei uns keine Berechtigung mehr hat, obwohl sie damals durch große Reichweiten bestach?

Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Frequenzen auf der Kopenhagener Wellenkonferenz 1948 neu verhandelt. Deutschland als besetzte Nation bekam nur wenige, schlechte Frequenzen, da die Deutschen ja ohnehin keinen zentralen Rundfunk mehr besitzen sollten.

Die Alternative waren die noch heute immer gängigen Ultrakurzwellen, die allerdings nur sehr kurze Reichweiten, dafür aber eine bessere Qualität hatten.

Die ersten UKW-Sender hatten zunächst nur wenige Hörer, da für den Empfang teure Radiogeräte benötigt wurden, die während des Wirtschaftswunders schwer erhältlich waren.

Der Siegeszug des Fernsehens

Durch die Einführung des Fernsehens bekam das Medium Radio eine immer größer werdende Konkurrenz. In den 50er Jahren zählte man 84.000 Fernsehgeräte in deutschen Wohnzimmern, zehn Jahre später waren es bereits acht Millionen. Die goldenen Jahre des Radios schienen vorbei zu sein.

Der Begleiter durch den Tag

Das einzige Gegenmittel hieß Diversifizierung! Und so mauserte sich das Radio vom einstigen Feierabendunterhalter mehr und mehr zum Begleiter durch den Tag. Bis zur Entwicklung des Pop-Radios in den 1970er Jahren schalteten die Hörer das Radio ganz gezielt für bestimmte Sendungen ein. Auf die Hitparade folgte Klassik, Nachrichten und dann ein Hörspiel. Jeder Hörer hatte zwar so seine Lieblingszeit bzw. Unterhaltung, aber in der Regel keinen Lieblingssender.

Von der Lieblingssendung zum Lieblingssender

Schnell überlegte man sich, dass die Hörer nicht mehr lange auf ihre Sendung im Radio warten sollen, sondern das Radio sie durch den ganzen Tag begleiten solle. Die veränderten Hörgewohnheiten brachten mehr Abwechslung, mehr Nachrichten, schnellere Berichterstattung und viel Musik. Pioniere waren Bayern 3, hr3 und SWF3 Anfang und Mitte der 1970er Jahre.

Der Start der Privatradios

Einen großen Wandel für die öffentlich-rechtlichen Sender brachte das Bundesverfassungsgericht mit einem Urteil im Jahr 1981. Der Privatfunk entstand. In Deutschland erfolgte der Start relativ spät, da der Rundfunk als öffentliche Aufgabe verstanden wurde. Radiostationen befanden sich unter öffentlicher Kontrolle.

Rasanter Anstieg der Radionutzung

Die Nutzung von Hörfunk betrug 1975 und 1992 noch durchschnittlich 95 bzw. 96 Minuten am Tag. Mitte der 2000er stieg der Wert dann auf täglich 221 Minuten an. Das sind über dreieinhalb Stunden, in denen der Durchschnitts-Bürger aktiv Radio hört oder es zumindest als Begleitmedium nutzt.

Aktuell liegt der Wert sogar bei über vier Stunden (253 Minuten), obwohl andere Medien wie facebook und Co. in dieser Zeit an immenser Bedeutung gewonnen haben.

Radio hält Smartphone und Social Media Stand

Manch ein Leser mag sich oft über sich selbst erschrecken, wenn seine angezeigte Bildschirmzeit auf dem Smartphone zwei, drei oder noch mehr Stunden beträgt. Aber ist es nicht Wahnsinn, dass wir genauso lange Radio hören und sich so ein Großteil des Tages die Radio-Botschaften unterbewusst in unseren Kopf bohren?

Dies verdeutlicht die weiterhin beträchtliche Relevanz des Mediums, welches fälschlicherweise oftmals als veraltet tituliert wird.

Wie wir rückblickend feststellen können, ist das Radio bereits viele Tode gestorben. Bewegtbild hat es bereits überstanden, aber wird Radio auch weiterhin der Macht des Internets standhalten oder diese sogar weiter für sich nutzen? Vielleicht bieten sich hier aber auch weitere Chancen als nur Webstreams oder Podcasts. Eins ist sicher: Wir alle dürfen gespannt sein, was unser „altmodisches“ Medium noch so alles drauf hat ;-)


Oliver Lillot ist Campaign Manager bei ANY EVER. Er kümmert sich um viele Angelegenheiten, die von Kundenseite an die Agentur herangetragen werden. Hierzu zählen u.a. die organisatorische Abwicklung von Kreation und Produktion sowie die Erstellung von regionalen oder nationalen Mediaplänen für Kunden wie Isotec, junited AUTOGLAS oder Red Bull.